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Ein schneller und preiswerter Überblick, aber ...
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 100 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Evolution: Die Entwicklung des Lebens (Taschenbuch) Das Buch bietet einen schnellen und preiswerten Überblick über die Evolution und Darwins Evolutionstheorie. Es umfasst wenig mehr als 100 Seiten und ist in die folgenden Hauptabschnitte untergliedert:
- Einleitung: Die Vielfalt des Lebens - Eine Idee erschüttert die Welt - Die Abläufe der Evolution - Die Motoren der Evolution - Entstehung und Entwicklungsgeschichte des Lebens - Nachwort: Offene Fragen der Evolutionsbiologie
Es folgen Literaturempfehlungen und ein Register.
Mein Problem an diesem Büchlein ist, dass es ein wenig den Eindruck vermittelt, die dargestellten Inhalte umfassten die gesamte biologische Evolution. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Die sexuelle Selektion wird fast vollständig ausgeklammert (kurze Erwähnung auf S.61f.). Der Hauptvorteil der Sexualität wird sogar darin gesehen, mittels genetischer Rekombination eine sehr große genetische Vielfalt zu erzeugen. Dies erklärt jedoch nicht die Vorteilhaftigkeit der Getrenntgeschlechtlichkeit gegenüber dem Hermaphroditismus. Höhere Arten pflanzen sich alle getrenntgeschlechtlich fort. Nicht einmal die Bienen verzichten auf ihre faulen Drohnen, obwohl alle Arbeiten im Bienensozialstaat von den Weibchen erledigt werden. Das weist darauf hin, dass diese Fortpflanzungsart zusätzliche Vorteile bietet, die aus der Selektion im männlichen Geschlecht resultieren.
Auch vermisste ich alle sozialen Aspekte des Lebens, angefangen von der Verwandtenselektion bis hin zu komplexen Sozialstaaten.
Gleichfalls störte mich der harte und schon fast antike, noch auf Malthus beruhende Darwinismus, der aus vielen Zeilen klingt. So heißt es auf S. 24: "Die düstere Folge davon waren für Malthus (...) Überbevölkerung und Hungersnöte. Darwin übertrug diese Beobachtungen und Schlußfolgerungen auf die Natur. Da, so argumentierte er, die Lebewesen mehr Nachkommen produzieren als unter den jeweils gegebenen Bedingungen, das heißt bei begrenzten Ressourcen, überleben können, kommt es in der Natur unweigerlich zu einem Wettbewerb ums Dasein (struggle for existence), in dem bloß die jeweils tauglichsten Individuen überleben und selbst Nachkommen erzeugen können (survival of the fittest)." Der in solchen Formulierungen deutlich zum Ausdruck kommende Sozialdarwinismus wird im Buch nicht thematisiert. Sicherlich kann man das so darstellen, wenn man vermitteln möchte, wie Darwin zu seinen Ideen gekommen ist. Dann sollte aber anschließend unbedingt eine moderne Variante der Evolutionstheorie folgen, die weniger hart formuliert ist, was jedoch nicht geschieht.
An anderer Stelle heißt es: "Welche Mechanismen liegen der Evolution zugrunde? Dabei geht es um die 'Triebkräfte' oder 'Motoren' der Evolution. Wodurch kommt es also zu einer Veränderung der Arten im Laufe der Zeit? Eine plausible Antwort auf diese Frage liefert Darwins Theorie der natürlichen Auslese." Die natürliche Auslese kann der Evolution vielleicht eine Richtung geben, sie ist aber definitiv keine Triebkraft.
Gelegentlich wird die immer wieder diskutierte Vererbung erworbener Eigenschaften thematisiert. Dabei hat die Natur mit dem Gehirn ein Medium hervorgebracht, mit dem das im großen Stil (und jenseits aller Epigenetik oder eines Lamarckismus) möglich ist. Z. B. geben Mütter ihre erworbene (nichtgenetische) Muttersprache an ihre Kinder weiter. Auch dieser Aspekt der Evolution wird im Buch nicht thematisiert.
Im Nachwort fand ich leider mehrheitlich eher unbedeutende offene Probleme der Evolutionsbiologie. Eines der Hauptprobleme der Evolutionsbiologie, wie und ob die angeblich für alles Leben gültige Evolutionstheorie Darwins auf Menschen übertragbar ist, wurde erst gar nicht erwähnt. Tatsache ist jedoch, dass in modernen menschlichen Gesellschaften sozialer Erfolg mit niedrigem Reproduktionserfolg korreliert, was gemäß Evolutionstheorie allerdings nicht zu erwarten ist. Gleichfalls fehlte die noch nicht verstandene Vorteilhaftigkeit der Sexualität.
Mir hat das Buch vor allem eins verdeutlicht: Die Darwinsche Evolutionstheorie muss 150 Jahre nach ihrem Entstehen grundlegend (von ihrer Struktur her) überarbeitet werden, und zwar so, dass sie auch mit dem Fortpflanzungsverhalten in komplexen tierischen und menschlichen Sozialstaaten in Einklang steht. Aktuell würde ich - als unbefangene Leserin - aus dem Büchlein vor allem den folgenden Schluss ziehen: Die Evolutionstheorie erklärt die Evolution bei Pflanzen und Tieren, nicht jedoch des Menschen: Der ist Gottes Geschöpf.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 23. Januar 2010 | | |
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